Wer zahlt wie viel Kirchensteuer? — Unbequeme Wahrheiten

Eigent­lich darf es nicht ver­wun­dern, dass sich die all­ge­mei­ne Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen auch in der Zusam­men­set­zung der kir­chen­steu­er­zah­len­den Mit­glie­der wider­spie­gelt. Die­ser Umstand ist eine Her­aus­for­de­rung für das kirch­li­che Selbst­ver­ständ­nis und die kirch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­glie­dern, will man sie stra­te­gisch gestalten.

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Aktu­ell lau­fen die Berech­nun­gen für die Kir­chen­steu­er­pro­jek­ti­on 2030. Wie die Zah­len genau aus­fal­len, ist noch unbe­kannt. Unab­hän­gig von den kon­kre­ten Ergeb­nis­sen die­ser Unter­su­chun­gen hält die bewuss­te und inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit der genau­en Zusam­men­set­zung des Kir­chen­steu­er­auf­kom­mens eini­ge orga­ni­sa­tio­na­le und theo­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen bereit.
Wovon man bereits jetzt aus­ge­hen kann, ist die Bin­sen­weis­heit, dass sich die Kir­chen­mit­glie­der nicht grund­sätz­lich von der der Gesamt­be­völ­ke­rung unter­schei­den hin­sicht­lich ihres indi­vi­du­el­len (Kirchen-)Steuerbeitrags. So ist ein Blick auf die Sta­tis­tik der Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le inter­es­sant. (Vgl.: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61772/einkommensteueranteile).

Diagramm Einkommenssteueranteile 2011 Deutschland
Ein­kom­men­steu­er­an­tei­le 2011 Deutsch­land — Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (crea­ti­ve commons)

Da die Lohn- und Ein­kom­mens­steu­er die Berech­nungs­grund­la­ge für die Kir­chen­steu­er bil­det, erhält man hier eine Ein­schät­zung über die Bei­trä­ge der ver­schie­de­nen Ein­kom­mens­klas­sen zur Kir­chen­steu­er. Abhän­gig von den jewei­li­gen Lan­des­kir­che und Bis­tü­mern wer­den 8 bzw. 9% der gezahl­ten Lohn- und Ein­kom­mens­steu­er als Kir­chen­steu­er erho­ben. Soll­te sich die ent­spre­chen­de Ver­tei­lung bei den Kir­chen­mit­glie­dern vom Bun­des­schnitt unter­schei­den dann der­ge­stalt, dass etwas weni­ger Men­schen in den unte­ren und etwas mehr Men­schen in den höhe­ren Zehn­tel ange­sie­delt sein dürf­ten. Das legen zumin­dest die Ergeb­nis­se ver­schie­de­ner Mit­glie­der­be­fra­gun­gen nahe.
Nach der Sta­tis­tik der Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le ist es so, dass »[…] sich [2011] der Anteil der obe­ren 10 Pro­zent der Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen am Gesamt­be­trag der Ein­künf­te auf 36,4 Pro­zent und der Anteil der unters­ten 50 Pro­zent auf 16,2 Pro­zent. Beim obers­ten Pro­zent lag der Anteil am Gesamt­be­trag der Ein­künf­te bei 12,5 Pro­zent, der Anteil am Ein­kom­men­steu­er­auf­kom­men betrug 22,0 Pro­zent« (bpb).

Die Unter­schie­de bei der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung in Deutsch­land spie­geln sich in den Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen der Mit­glie­der der gro­ßen (Volks-)Kirchen wider.

Knapp 40% der Mit­glie­der der evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che in Baden zah­len Kir­chen­steu­er. Rund 60% der Mit­glie­der (Kin­der, Jugend­li­che, Ren­ter, Men­schen und Ehe­paa­re mit Ein­kom­men unter­halb der Bemes­sungs­gren­ze) zah­len kei­ne Kir­chen­steu­er. Die­ser Fakt ord­net die genann­ten Zah­len wei­ter ein.

Wenn wir von der evan­ge­li­schen Kir­che spre­chen, reden wir ein­mal von ihr als Teil der Ver­samm­lung der Gläu­bi­gen, als geist­li­cher Gemein­schaft. Zum andern spre­chen wir von der kon­kre­ten Orga­ni­sa­ti­on mit der Rechts­form „Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts“. Je nach Blick­win­kel betrach­ten wir die evan­ge­li­sche Kir­che als geist­lich-ideel­le oder als juris­tisch-orga­ni­sa­tio­na­le Grö­ße. Die­se Blick­win­kel tre­ten zwangs­läu­fig in Span­nung zueinander.

Für den Glau­ben evan­ge­li­scher Prä­gung ist von zen­tra­ler Bedeu­tung, dass alle Men­schen vor Gott gleich sind.

Sie sind alle zugleich Sün­der und Gerech­te, wie Mar­tin Luther es for­mu­lier­te. Und des­halb sol­len sozia­le Unter­schie­de beim Mit­ein­an­der inner­halb der Kir­che, beim gemein­sa­men Gebet und Got­tes­dienst, kei­ne Rol­le spie­len. Die bibli­schen Tex­te über die ers­ten Gemein­den in Jeru­sa­lem und Korinth (Apos­tel­ge­schich­te 2,37–47; 1. Korin­ther­brief 11,17–22) beschrei­ben bereits glei­cher­ma­ßen das Ide­al und die Kon­flik­te, die es von Anbe­ginn gab.

Doch wenn sich die Evan­ge­li­sche Kir­che als Orga­ni­sa­ti­on, wel­che sich vor­nehm­lich aus der Kir­chen­steu­er finan­ziert, stra­te­gi­sche Gedan­ken über die Zukunft macht, kommt sie nicht umhin, hin­sicht­lich der finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten ihrer Mit­glie­der Unter­schie­de zu machen. Es macht finan­zi­ell nun ein­mal einen gra­vie­ren­den Unter­schied, ob Mit­glie­der aus­tre­ten, die zu den obe­ren zehn oder gar dem obers­ten einem Pro­zent der Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen gehö­ren, oder ob Mit­glie­der der Orga­ni­sa­ti­on Kir­che den Rücken zukehrt, die kei­ne oder wenig Kir­chen­steu­er zahlen.

Auch macht es finan­zi­ell einen Unter­schied, ob ein Mit­glied mit Mit­te 50 aus­tritt oder mit Ein­tritt ins Berufs­le­ben, etwa mit Mit­te 20. Wenn ein Mit­glied mit 25 sein wei­te­res Leben lang Mit­glied sei­ner Kir­che bleibt, zahl­te es durch­schnitt­lich 28.000 Euro Kirchensteuer.

Es geht bei die­sen m.E. not­wen­di­gen Unter­schei­dun­gen nicht dar­um, ob mit den Bes­ser­ver­die­nen­den zu Las­ten der ande­ren Mit­glie­der kom­mu­ni­ziert wird. Es geht im Sin­ne einer ziel- und ziel­grup­pen­ori­en­tier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­um, dass bei Inhalt und Form Unter­schie­de gemacht werden.

„Behand­le Glei­ches gleich und Unglei­ches ungleich.“
(frei nach Aris­to­te­les, Niko­ma­chi­sche Ethik)

Das ist nicht nur wei­se mit Blick auf die Orga­ni­sa­ti­on, son­dern wird auch den ver­schie­de­nen Bedürf­nis­sen, Bei­trä­gen und Lebens­si­tua­tio­nen gerecht. Ein Pro­blem, das der Struk­tur nach auch bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Groß­spen­dern und den ande­ren För­de­rern in einer NPO auftritt.

Wie die­se dif­fe­ren­zie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on der Kir­che genau aus­se­hen kann, muss gründ­lich dis­ku­tiert wer­den. Wenn man sich den Unter­schied zwi­schen den ideell-theo­lo­gi­schen und den orga­ni­sa­tio­na­len Aspek­ten immer wie­der ins Gedächt­nis ruft, dann wird man auch dar­an erin­nert, dass die Unter­schie­de, wel­che die Orga­ni­sa­tio­nen machen müs­sen, im Glau­ben auf­ge­ho­ben sind.

(Bild: Alexandra_Koch by pixabay.com (crea­ti­ve commons))

Quellen:

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le, http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61772/einkommensteueranteile, zuletzt auf­ge­ru­fen am 13.5.2018.

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Ver­mö­gens­ver­tei­lung, http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung, zuletzt auf­ge­ru­fen am 13.5.2018.

 

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