Wer zahlt wie viel Kirchensteuer? — Unbequeme Wahrheiten

Eigent­lich darf es nicht ver­wun­dern, dass sich die all­ge­mei­ne Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen auch in der Zusam­men­set­zung der kir­chen­steu­er­zah­len­den Mit­glie­der wider­spie­gelt. Die­ser Umstand ist eine Her­aus­for­de­rung für das kirch­li­che Selbst­ver­ständ­nis und die kirch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Mit­glie­dern, will man sie stra­te­gisch gestalten.

Lese­dau­er 3 Minu­ten

Aktu­ell lau­fen die Berech­nun­gen für die Kir­chen­steu­er­pro­jek­ti­on 2030. Wie die Zah­len genau aus­fal­len, ist noch unbe­kannt. Unab­hän­gig von den kon­kre­ten Ergeb­nis­sen die­ser Unter­su­chun­gen hält die bewuss­te und inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit der genau­en Zusam­men­set­zung des Kir­chen­steu­er­auf­kom­mens eini­ge orga­ni­sa­tio­na­le und theo­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen bereit.
Wovon man bereits jetzt aus­ge­hen kann, ist die Bin­sen­weis­heit, dass sich die Kir­chen­mit­glie­der nicht grund­sätz­lich von der der Gesamt­be­völ­ke­rung unter­schei­den hin­sicht­lich ihres indi­vi­du­el­len (Kirchen-)Steuerbeitrags. So ist ein Blick auf die Sta­tis­tik der Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le inter­es­sant. (Vgl.: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61772/einkommensteueranteile).

Diagramm Einkommenssteueranteile 2011 Deutschland
Ein­kom­men­steu­er­an­tei­le 2011 Deutsch­land — Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (crea­ti­ve commons)

Da die Lohn- und Ein­kom­mens­steu­er die Berech­nungs­grund­la­ge für die Kir­chen­steu­er bil­det, erhält man hier eine Ein­schät­zung über die Bei­trä­ge der ver­schie­de­nen Ein­kom­mens­klas­sen zur Kir­chen­steu­er. Abhän­gig von den jewei­li­gen Lan­des­kir­che und Bis­tü­mern wer­den 8 bzw. 9% der gezahl­ten Lohn- und Ein­kom­mens­steu­er als Kir­chen­steu­er erho­ben. Soll­te sich die ent­spre­chen­de Ver­tei­lung bei den Kir­chen­mit­glie­dern vom Bun­des­schnitt unter­schei­den dann der­ge­stalt, dass etwas weni­ger Men­schen in den unte­ren und etwas mehr Men­schen in den höhe­ren Zehn­tel ange­sie­delt sein dürf­ten. Das legen zumin­dest die Ergeb­nis­se ver­schie­de­ner Mit­glie­der­be­fra­gun­gen nahe.
Nach der Sta­tis­tik der Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le ist es so, dass »[…] sich [2011] der Anteil der obe­ren 10 Pro­zent der Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen am Gesamt­be­trag der Ein­künf­te auf 36,4 Pro­zent und der Anteil der unters­ten 50 Pro­zent auf 16,2 Pro­zent. Beim obers­ten Pro­zent lag der Anteil am Gesamt­be­trag der Ein­künf­te bei 12,5 Pro­zent, der Anteil am Ein­kom­men­steu­er­auf­kom­men betrug 22,0 Pro­zent« (bpb).

Die Unter­schie­de bei der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­tei­lung in Deutsch­land spie­geln sich in den Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen der Mit­glie­der der gro­ßen (Volks-)Kirchen wider.

Knapp 40% der Mit­glie­der der evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che in Baden zah­len Kir­chen­steu­er. Rund 60% der Mit­glie­der (Kin­der, Jugend­li­che, Ren­ter, Men­schen und Ehe­paa­re mit Ein­kom­men unter­halb der Bemes­sungs­gren­ze) zah­len kei­ne Kir­chen­steu­er. Die­ser Fakt ord­net die genann­ten Zah­len wei­ter ein.

Wenn wir von der evan­ge­li­schen Kir­che spre­chen, reden wir ein­mal von ihr als Teil der Ver­samm­lung der Gläu­bi­gen, als geist­li­cher Gemein­schaft. Zum andern spre­chen wir von der kon­kre­ten Orga­ni­sa­ti­on mit der Rechts­form „Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts“. Je nach Blick­win­kel betrach­ten wir die evan­ge­li­sche Kir­che als geist­lich-ideel­le oder als juris­tisch-orga­ni­sa­tio­na­le Grö­ße. Die­se Blick­win­kel tre­ten zwangs­läu­fig in Span­nung zueinander.

Für den Glau­ben evan­ge­li­scher Prä­gung ist von zen­tra­ler Bedeu­tung, dass alle Men­schen vor Gott gleich sind.

Sie sind alle zugleich Sün­der und Gerech­te, wie Mar­tin Luther es for­mu­lier­te. Und des­halb sol­len sozia­le Unter­schie­de beim Mit­ein­an­der inner­halb der Kir­che, beim gemein­sa­men Gebet und Got­tes­dienst, kei­ne Rol­le spie­len. Die bibli­schen Tex­te über die ers­ten Gemein­den in Jeru­sa­lem und Korinth (Apos­tel­ge­schich­te 2,37–47; 1. Korin­ther­brief 11,17–22) beschrei­ben bereits glei­cher­ma­ßen das Ide­al und die Kon­flik­te, die es von Anbe­ginn gab.

Doch wenn sich die Evan­ge­li­sche Kir­che als Orga­ni­sa­ti­on, wel­che sich vor­nehm­lich aus der Kir­chen­steu­er finan­ziert, stra­te­gi­sche Gedan­ken über die Zukunft macht, kommt sie nicht umhin, hin­sicht­lich der finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten ihrer Mit­glie­der Unter­schie­de zu machen. Es macht finan­zi­ell nun ein­mal einen gra­vie­ren­den Unter­schied, ob Mit­glie­der aus­tre­ten, die zu den obe­ren zehn oder gar dem obers­ten einem Pro­zent der Ein­kom­men­steu­er­pflich­ti­gen gehö­ren, oder ob Mit­glie­der der Orga­ni­sa­ti­on Kir­che den Rücken zukehrt, die kei­ne oder wenig Kir­chen­steu­er zahlen.

Auch macht es finan­zi­ell einen Unter­schied, ob ein Mit­glied mit Mit­te 50 aus­tritt oder mit Ein­tritt ins Berufs­le­ben, etwa mit Mit­te 20. Wenn ein Mit­glied mit 25 sein wei­te­res Leben lang Mit­glied sei­ner Kir­che bleibt, zahl­te es durch­schnitt­lich 28.000 Euro Kirchensteuer.

Es geht bei die­sen m.E. not­wen­di­gen Unter­schei­dun­gen nicht dar­um, ob mit den Bes­ser­ver­die­nen­den zu Las­ten der ande­ren Mit­glie­der kom­mu­ni­ziert wird. Es geht im Sin­ne einer ziel- und ziel­grup­pen­ori­en­tier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­um, dass bei Inhalt und Form Unter­schie­de gemacht werden.

„Behand­le Glei­ches gleich und Unglei­ches ungleich.“
(frei nach Aris­to­te­les, Niko­ma­chi­sche Ethik)

Das ist nicht nur wei­se mit Blick auf die Orga­ni­sa­ti­on, son­dern wird auch den ver­schie­de­nen Bedürf­nis­sen, Bei­trä­gen und Lebens­si­tua­tio­nen gerecht. Ein Pro­blem, das der Struk­tur nach auch bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Groß­spen­dern und den ande­ren För­de­rern in einer NPO auftritt.

Wie die­se dif­fe­ren­zie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on der Kir­che genau aus­se­hen kann, muss gründ­lich dis­ku­tiert wer­den. Wenn man sich den Unter­schied zwi­schen den ideell-theo­lo­gi­schen und den orga­ni­sa­tio­na­len Aspek­ten immer wie­der ins Gedächt­nis ruft, dann wird man auch dar­an erin­nert, dass die Unter­schie­de, wel­che die Orga­ni­sa­tio­nen machen müs­sen, im Glau­ben auf­ge­ho­ben sind.

(Bild: Alexandra_Koch by pixabay.com (crea­ti­ve commons))

Quellen:

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Ein­kom­mens­steu­er­an­tei­le, http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61772/einkommensteueranteile, zuletzt auf­ge­ru­fen am 13.5.2018.

Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung: Ver­mö­gens­ver­tei­lung, http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61781/vermoegensverteilung, zuletzt auf­ge­ru­fen am 13.5.2018.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Exit Popup for Wordpress