„Money follows vision“ aka „Money follows mission“ (Fundraising-Weisheit #6)

Traffic by jonbonsilver/pixabay.com under creative commons
Lese­dau­er 3 Minu­ten

„Wie bit­te? Ein Hand­griff an den Stu­fen zur Kir­chen­tür?“ Ich war etwas kon­ster­niert ob die­ses Vor­schlags für die jähr­li­che Spen­den­ak­ti­on. Ich fand das Pro­jekt ziem­lich unat­trak­tiv. Ein kal­tes Stück Metall. Ich wider­stand dem Impuls zu sagen: „Nee, das ist aus­sichts­los. Ich weiß es bes­ser. Schlagt Euch das mal aus dem Kopf.“ Statt­des­sen frag­te ich das Fund­rai­singteam: „Wer, denkt Ihr, spen­det dafür?“

Die Ant­wort war uner­war­tet und über­zeug­te mich. Die Pfar­re­rin und Kir­chen­vor­stand erklär­ten, dass die Gottesdienstbesucher*innen, die auf einen Rol­la­tor oder einen Geh­stock ange­wie­sen sind, über die Ram­pe durch einen Neben­ein­gang in die Kir­che kom­men. Vie­le von ihnen wür­den sich jedoch lie­bend gern nach dem Got­tes­dienst per­sön­lich von der Pfar­re­rin oder dem Pfar­rer an der Kir­chen­tür ver­ab­schie­den. Ein kur­zer Kon­takt, der vie­len von Ihnen wich­tig ist. Doch der feh­len­de Hand­lauf ließ sie nicht zu den Stu­fen gehen.

Und tat­säch­lich, es war ein gutes Pro­jekt. Es war schnell aus­fi­nan­ziert und auch ein Schlos­se­rei­be­trieb mel­de­te sich in der Gemein­de und bot an, das Gelän­der allein zu den Mate­ri­al­kos­ten zu realisieren.

Ein Tanztheater in eine Kirche?!

„Wie bit­te? Ein Tanz­thea­ter in der Kir­che?“ Die­se Fra­ge wird sich so manch ein Mann­hei­mer Bür­ger und wohl auch Kul­tur­schaf­fen­der 2016 gestellt haben. Da hat­te die Evan­ge­li­sche Kir­che in Mann­heim nach einem Ideen­wett­be­werb beschlos­sen, die seit Jah­ren nicht mehr genutz­te Tri­ni­ta­tis­kir­che für zunächst fünf Jah­re dem La-Troit­tier Dance Collec­ti­ve als Pro­ben- und Auf­füh­rungs­raum zur Ver­fü­gung zu stellen.

Das Pro­jekt, der Ent­wurf für die Innen­ge­stal­tung der Kir­che, vor allem aber auch die Ener­gie der Bewer­ber, Eric Troit­tier und Daria Hol­me, steck­ten an. Sie hat­ten eine Visi­on, die fes­sel­te. Sie über­zeug­te in der Fol­ge auch die Stadt Mann­heim, das Land Baden-Würt­tem­berg und den Bund. Von allen wird das ent­stan­de­ne Ein­Tanz­haus bin­nen kur­zer Zeit mit meh­re­ren hun­dert­tau­send Euro geför­dert. Es bil­de­te sich ein För­der­kreis, Unter­neh­men wur­den auf das Pro­jekt und die neue Event­lo­ca­ti­on aufmerksam.

Nach nur neun Mona­ten Umbau­zeit eröff­ne­te am 30.9.2017 das Ein­Tanz­haus in der Tri­ni­ta­tis­kir­che sei­ne Pfor­ten. Das Pro­jekt und das Pro­gramm waren von Beginn an ein gro­ßer Erfolg. Die media­le Auf­merk­sam­keit war seit der Ent­schei­dung für das Tanz­ensem­ble riesig.

Wann zündet eine Idee?

„Money fol­lows visi­on“ oder wie mein Kol­le­ge Paul Dal­by zu sagen pflegt: „Das Geld folgt den guten Ideen.“

Es gehört zu den grund­le­gen­den Wahr­hei­ten im Fund­rai­sing, dass min­des­tens 50% des Erfolgs einer Fund­rai­sin­gak­ti­on von der Qua­li­tät des Pro­jekts abhän­gen. Doch wann ist eine Idee gut? Wann trägt eine Vision?

Es reicht nicht, wenn wir als Pro­jekt­ver­ant­wort­li­che von unse­ren eige­nen Ideen über­zeugt und begeis­tert sind. Ich habe schon eini­ge Pro­jek­te schei­tern sehen, von denen Vor­stän­de und Geschäfts­füh­rer über­zeugt waren. Doch dann muss­ten sie erfah­ren, dass trotz aller Anstren­gun­gen bei wei­tem nicht genug Spen­de­rin­nen und Spen­der gefun­den wer­den konn­ten. Für nicht weni­ge Ver­ant­wort­li­che war das eine nar­zis­ti­sche Kränkung.

Die Durch­füh­rung einer Spen­den­ak­ti­on ist auch immer so etwas wie ein Rea­li­täts- bzw. Relevanzcheck.

Ob ein Pro­jekt rele­vant ist, erfährt man ent­we­der durch die spon­ta­ne Anteil­nah­me vie­ler Men­schen an der Idee. Aber auch die Ein­schät­zung von rele­van­ten Anspruchs­grup­pen ist wert­voll. Ob etwa die Grün­dung einer Stif­tung Aus­sicht auf Erfolg hat, fin­det man her­aus, wenn dar­über mit den beson­ders ver­bun­de­nen Spender*innen in pri­va­ter Atmo­sphä­re gespro­chen wird, noch bevor man damit an die Öffent­lich­keit geht. Die Pfar­rer der oben erwähn­ten Kir­chen­ge­mein­de wuss­ten aus Gesprä­chen zwi­schen Tür und Angel, dass ein Gelän­der an der Kir­chen­tür rele­vant ist.

Was aber war bzw. ist die gute Idee am Ein­Tanz­haus in der Tri­ni­ta­tis­kir­che? Sicher­lich, die Aus­sicht dar­auf, dass die freie Tanz­sze­ne in Mann­heim und der Regi­on nach Jah­ren und Jahr­zehn­ten end­lich die Mög­lich­keit hat­te, eine attrak­ti­ve Pro­ben- und Spiel­stät­te zu bekom­men, war von Rele­vanz für die poli­ti­schen Ent­schei­der in der Kul­tur­för­de­rung. Doch da war auch ein ästhe­ti­sches Moment, das begeis­ter­te, ja inspirierte.

Es ent­stand der Aus­blick auf etwas Neu­es, das es noch nicht gab. Da gab es das Ver­spre­chen auf das Zusam­men­spiel eines ein­zig­ar­ti­gen Bau­denk­mals mit einem moder­nen Tanz­ensem­ble. Es gab das Ver­spre­chen auf neue Vita­li­tät in leer­ste­hen­den Kirchenmauern.

Rele­vant sind Pro­jek­te damit oft, wenn sie ein inno­va­ti­ves Moment haben, wenn sie eine Situa­ti­on zum Bes­se­ren ver­än­dern. Etwas neu­es schaf­fen, die Situa­ti­on von Men­schen in Not ändern, das sind star­ke Attrak­to­ren und Visio­nen für Unterstützer*innen. Sie wol­len Wir­kung erzielen.

Kommunikation und Vertrauen sind die anderen 50%

Die ande­ren 50% des Erfolgs einer Fund­rai­sin­gak­ti­on bestehen z.T. in der effek­ti­ven Kom­mu­ni­ka­ti­on des Pro­jekts, sei­ner Visi­on und sei­ner Erfol­ge. Denn wenn die rich­ti­gen Ziel­grup­pen von der guten Idee nicht erfah­ren, bleibt die not­wen­di­ge Unter­stüt­zung aus. Es geht also um hand­werk­lich bzw. fach­lich sau­be­re Kommunikation.

Ins­be­son­de­re bei Pro­jek­ten, die sich erst bewäh­ren müs­sen oder noch rea­li­siert wer­den, geht es bei aller Begeis­te­rung dar­um dar­zu­stel­len, wie das Ziel erreicht wer­den kann. Die ers­ten und die nächs­ten Schrit­te müs­sen nach­voll­zieh­bar und rea­lis­tisch geschil­dert werden.

So wird Ver­trau­en in das Pro­jekt und die damit ver­bun­de­nen Akteu­re und ihre Orga­ni­sa­ti­on auf­ge­baut. Ver­trau­en, vor allem in die Leis­tungs­fä­hig­keit und Kom­pe­tenz der NGO, ist für Spender*innen emi­nent wichtig.

fiv­ty-fif­ty im Ver­hält­nis Idee zu Hand­werk? So ein­fach ist es nicht. Die Fund­rai­sing-Weis­heit „Money fol­lows visi­on“ spricht der Visi­on, der guten Idee, wohl­weiß­lich die ers­te Stel­le zu. Sie ist der wesent­li­che Trei­ber einer guten Fundraisingaktion.

(Bild: jon­bon­sil­ver by pixabay.com)

Quel­len:

Dal­by, Paul: Das Geld folgt den guten Ideen, in: Fund­rai­ser (2/2011), https://fundraiser-magazin.de/files/archiv/pdf/fundraiser_22_2011-02.pdf, zuletzt auf­ge­ru­fen am 13.7.2011, S.96

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Exit Popup for WordPress